Ich habe „Numinoses Unbewusstes“ die tiefste Schicht des menschlichen Unbewussten genannt. Es gründet sich auf eine Einheit von Potenzialen von außergewöhnlicher Differenzierung und Feinheit, die die Macht des Vortrefflichen des Menschlichen konstituieren.Diese Potenziale sind andererseits, von all denen, welche das Menschliche manifestieren, die am meisten unterdrückten.

Die Gesamtheit des Numinosen Unbewussten konstituiert den „ewigen Menschen“.

Die essenzielle Frage jeder Philosophie und Anthropologie ist: Was ist es, menschlich zu sein?

Die Psychologen und Erzieher scheinen sich nicht für das Niveau der Menschlichkeit eines Individuums zu interessieren, sondern für die Charakteristika seiner Persönlichkeit, für seine extrovertierten oder introvertierten Reaktionen, für seine Intelligenz oder für seine individuellen Motivationen. Allerdings, ein gesellschaftlich hervorstechender Mensch, ein hervorragender Wissenschaftler oder ein Wirtschaftsexperte können vom Standpunkt der Menschlichkeit gesehen, miserable Perfekte sein.

Mein Interesse ist es, auf die essenzielle Frage: Was ist es, menschlich zu sein?
zu antworten.
Diese Frage muss mit Dringlichkeit beantwortet werden, als einzige soziale Prophylaxe.

Die numinose Energie wird weder in den Schulen noch in den Universitäten kultiviert. Die Kultivierung des Menschlichen ist das große Abwesende in den Lehrplänen.
Die Kinder verlassen die Schulen und kennen die Kriege, die Invasionen, die nationalen Helden, den kriegerischen Ruhm des Vaterlandes, haben aber nie eine Partita von Bach gehört, genauso wenig haben sie ein Bild von Leonardo gesehen und kennen auch nicht die Geschichte derer, die das Penicillin, die Anästhesie oder den Impfstoff gegen Kinderlähmung entdeckt haben. Die Größe des Menschen wird in unseren Erziehungsinstituten nicht unterrichtet, man unterrichtet unseren miserablen Anteil.

Die numinose Energie findet sich in einigen Gedichten von Rilke, Saint John Perse oder von Rumi…

Das Numinose tritt in Kontakt mit der Anmut, mit dem Kreativen, mit dem Ewigen… das Numinose bringt die Liebe hervor, die Poesie, die Wahrnehmung des Wunderbaren, den Mut zu leben.
Diese ursprüngliche Energie ist dem Wesen des Menschen in seiner Genese zueigen, seit seiner Entstehung. Der ewige Mensch bewohnt das Tiefste unserer Identität; so ist er die uranfängliche menschliche Bedingung.
Meinem Urteil nach sind nicht die diversen Formen der charakterlichen Verschiedenartigkeit wichtig, natürlich handelt es sich um irgendeine Person, die melancholisch, fröhlich, ausdruckslos, schöpferisch ist; das Wichtigste ist, welchen Grad der Menschlichkeit sie erreicht hat.

Im Psychopaten ist das menschliche Prinzip maximal abgesunken. Sein Zustand ist zutiefst destrukturiert.

Der Begriff des Wunderbaren ist für viele Menschen befremdlich, allerdings umgibt uns das Wunderbare. Das Wunderbare ist eine Art und Weise der Wahrnehmung der unschuldigen Freude, der intimen Reinheit, es ist auch die Verschiedenartigkeit des Natürlichen, das Mysterium des Lebens.

Das Numinose Unbewusste gibt uns Zugang zu einem Gefühl der Intimität, zur grenzenlosen Liebe und zur Schöpfung als Offenbarung von Schönheit und Mysterium.

Die numinose Energie drückt sich möglicherweise mit außergewöhnlicher Kraft aus, in Künstlern, Mystikern und Humanisten wie Bach, Theresa von Kalkutta, Einstein oder Rainer Maria Rilke. Theresa von Kalkutta lebte in der Anmut des Numinosen. Auch sehr oft drückt es sich in gewöhnlichen Personen aus, die fähig sind zu lieben.
Die numinose Energie manifestiert sich in jenen, die die kosmische Energie umwandeln und die sich auf vitale Weise an ihre ursprüngliche Quelle anschließen.

Wie ich sagte, die Inhalte des Numinosen Unbewussten sind die Potenziale des Ewigen Menschen.

Das Numinose Unbewusste drückt sich durch intensive Erlebnisse musikalischer und visueller Wahrnehmung aus, sowie auch in der epiphanischen Liebe und der Mütterlichkeit.

Im Folgenden werde ich kurz einige dem Numinosen Unbewussten innewohnenden Potenziale erläutern.

Die Liebe
Im Allgemeinen fühlen wir, dass wir die Eigentümer unserer Selbst sind, aber das Leben bemächtigt sich unserer wenn wir lieben, und unsere vollständige Existenz verwandelt sich in den Impuls mit und durch den anderen zu sein.

Ohne Furcht lieben zu lernen ist die maximale Ausbildung.

Es ist notwendig, die Liebe der Dimension des Unendlichen hinzugeben und nicht dem Minimalismus der Beziehungen.

Der Raum der Liebe besteht mit dem Anderen. Man muss nicht seinen „eigenen Raum“ verteidigen. Es ist nötig erst den Anderen zu lieben, das bringt dann als Folge dessen die Liebe zu sich selbst herbei.

Die Liebe ist kein Spiel, sie ist eine Art der Integration mit dem Unendlichen. Es existiert die epiphanische Liebe, in welcher sich die Heiligkeit des einen mit der Heiligkeit des anderen vereinigt. Die epiphanische Liebe ist die Essenz des Menschlichen, eine anthropologische Ästhetik.

Die undifferenzierte Liebe, das ist die Zärtlichkeit, wesentliche Bedingung des Zusammenlebens. Das Leben schlägt uns die alltägliche Liebe vor.

Diese Liebe bildet die Anziehung des existenziellen Chaos, sie verbindet uns mit dem Risiko und mit der Verzweiflung.

Wir haben oftmals Angst vor dem Ausdruck dieser kosmischen Kraft in unserem Leben, aber sie ist die Spitze der Größe des absoluten Glücks.

Die Erleuchtung  Es war Carl Gustav Jung, der die menschliche Seele als ewige Wiedergeburt zwischen dem Licht und dem Schatten beschrieb.
Das Licht ist der strahlende Teil unserer Seele, der Bereich in dem die Liebe sich ausbreitet, die Lebensfreude, die Wahrnehmung allerhöchster Gnade. Das Licht ist aktiv, warm und dem Wunder nahe.

Der Schatten ist der Ort unserer Schrecken; der Schuld, der Gewalt und der Beklommenheit.

Licht und Schatten leben miteinander in uns. Beide können sich durch das Gebet oder den Tanz hervorbringen.

Ich glaube, dass es noch etwas mehr im Prozess der Erleuchtung gibt; die Erweiterung der Wahrnehmung
essenzieller Dinge.

Mit unserem Licht können wir den anderen erkennen, verbinden wir uns mit seiner Essenz und heiligen ihn als einen kosmischen Bruder.

Das Licht erlaubt uns, das Licht, welches im anderen ist, zu enthüllen.
Der Mut  Wenn ich von Mut spreche, dann beziehe ich mich nicht auf die Bravour der Soldaten, die darauf programmiert sind zu töten und zu sterben. Das ist kein Mut, es ist fatale Einfalt.

Mut ist die Fähigkeit, unserem eigenen Schatten die Stirn zu bieten. In den mysteriösen Raum unserer Schmerzen und Frustrationen einzutreten, die Dämmerlichter zu suchen und zum Licht aufzusteigen, um das heilige Projekt nach vorn zu tragen, in das Große Werk einzutreten, in die Arche der Erlösung der Liebe.

„Wer nicht in die Tiefen des Schattens hinabgestiegen ist, hat keinen Zugang zur Lobpreisung.“ drückt Rainer Maria Rilke aus.

Der Mut, das ist unsere Möglichkeit, die Liebe als wundersame Anziehung in den düsteren Regionen des Chaos anzuzünden.

Mut:  die Ängste herausfordern, die Unterdrückung im Außen; Mut, sich dem Leid zu stellen.

Manchmal ist es zu spät umzukehren. Die schwachen Entscheidungen verzögern die Ankunft Gottes.
Intase  Der Zustand der Intase beruht auf der Erweckung des inneren Gottes. Die Reinheit und Kraft unserer eigenen Identität zu fühlen.

Die Intase erlaubt uns, unsere Identität als kosmische Wesen anzunehmen, sowie als Bewahrer der Kraft der Verbindung.

Die Intase ist der Ursprung der Erkenntnis und des ethischen Glanzes.

Die Intase ist auch die Hervorbringung des Gefühls der Glücklichkeit, sie verschafft uns Zugang zur Kreativität und zur Wahrnehmung von Schönheit.

Die Empathie und die undifferenzierte Zärtlichkeit haben ebenso ihren Ursprung in der Intase.

Schließlich glaube ich, dass alles was uns als menschliche Wesen würdigt, dem Numinosen Unbewussten entspringt.

Menschen aller Völker, in gehobener oder niedriger Stellung, haben die Möglichkeit ihre numinose Energie zu befreien.

Unsere Kultur des Todes erzeugt Bedingungen unter denen die Menschen als bedeutungslos angesehen werden. In dieser Weise ist es einfach, sie in die Luft zu jagen, sie zu disqualifizieren und sie in den Kriegen zu ermorden.

Rolando Toro Araneda
(Übersetzung von Birgit Mutze)